Honigbiene vs. Wildbiene: Stellungnahme des KiJuBee Netzwerk Sachsen e.V. zur aktuellen Debatte um Honig- und Wildbienen

Als Netzwerk, das sich täglich für die Umweltbildung und den praktischen Naturschutz einsetzt, blicken wir mit Sorge auf die zunehmend polarisierende Diskussion über das Verhältnis zwischen Honig- und Wildbienen. Wo eigentlich ein solidarisches Miteinander im Kampf gegen das Insektensterben nötig wäre, wird in der Öffentlichkeit immer häufiger eine künstliche Konkurrenz herbeigeredet. Sachliche Kritik und der wissenschaftliche Austausch sind für uns unverzichtbar – die pauschale Diffamierung der imkerlichen Arbeit und das Ausspielen der beiden Bienen-Gruppen gegeneinander weisen wir jedoch entschieden zurück.

Aus unserer täglichen Praxis im Freistaat Sachsen wissen wir, dass der Schutz von Honigbienen und der Erhalt der Wildbienenvielfalt Hand in Hand gehen. Die Behauptung, die heimische Imkerei agiere wie eine „Massentierhaltung“ und würde Wildbienen systematisch den Lebensraum streitig machen, verdreht die tatsächlichen Gegebenheiten in unseren Regionen völlig. Wer die imkerliche Praxis in Sachsen kennt, weiß, dass sie von kleinteiligen, leidenschaftlichen Hobby- und Nebenerwerbsimkereien geprägt ist.

Statt die beiden Gruppen künstlich zu Rivalen zu erklären, müssen wir das Gesamtsystem betrachten: Beide erfüllen bei der Bestäubung unserer Wild- und Kulturpflanzen spezifische Aufgaben, die sich gegenseitig ergänzen. Niemand kann den anderen ersetzen. Die wahre Bedrohung für unsere Insektenwelt liegt nicht in der Anzahl der Honigbienenvölker, sondern in der rücksichtslosen Verarmung unserer Umwelt. Monokulturen, Betonwüsten, der Mangel an geeigneten Nistgelegenheiten und der Verlust an durchgehenden Blühflächen vom Frühjahr bis zum Herbst sind die echten Ursachen, die es gemeinsam zu bekämpfen gilt.

Unsere Verantwortung: Aktiver Wildbienenschutz und intensive Aufklärung

Als Netzwerk, das sich der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) verschrieben hat, belassen wir es nicht bei Worten, sondern setzen uns in der Praxis intensiv für den Schutz aller Bestäuber ein:

  • Intensive Aufklärungs- und Bildungsarbeit: In unseren Schul-Imkereien und Ganztagsangeboten (GTA) vermitteln wir Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ein ganzheitliches Verständnis für das Ökosystem. Wir klären gezielt darüber auf, dass Wildbienen völlig andere Lebensweisen, Nistansprüche und oft hochspezialisierte Futterpflanzen haben als Honigbienen. Unsere pädagogische Arbeit schärft den Blick für die biologische Vielfalt vor der eigenen Haustür.

  • Schaffung von Lebensräumen (Lebendige Bee-Gärten): Bei der Gestaltung unserer Projektflächen achten wir strikt auf die Bedürfnisse von Wildbienen. Wir legen Totholzecken an, lassen offene Bodenstellen (Sandarien) für bodennistende Arten entstehen und pflanzen gezielt heimische Wildstauden und Gehölze, die als essenzielle Nahrungsquelle dienen.

  • Praktischer Nisthilfenbau: Gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen bauen wir fachgerechte und funktionale Wildbienen-Nisthilfen. Dabei räumen wir in unserer Aufklärungsarbeit auch mit untauglichen „Insektenhotels“ aus dem Handel auf und zeigen, wie echter, wirksamer Schutz gelingt.

  • Insektenschonende Pflege: Auf unseren Flächen praktizieren wir eine insektenschonende Mahd, um Rückzugsräume und Nahrungsinseln für Solitärbienen und Hummeln durchgehend zu erhalten.

Honigbienen als Botschafterinnen und Umweltindikatoren

Die Honigbiene fungiert in unserer Bildungsarbeit als faszinierende Botschafterin. Durch den direkten, angstfreien Zugang zu einem Honigbienenvolk wecken wir bei jungen Menschen das Interesse und die Empathie für die gesamte Insektenwelt.

Zudem machen Schäden und Belastungen an Honigbienenvölkern – wie die Debatten um Pestizideinsätze in der Vergangenheit gezeigt haben – Umweltprobleme oft erst sichtbar. Von einem verringerten Pestizideinsatz und einer giftfreien Region profitieren Wildbienen und zahlreiche andere Insekten in gleichem Maße. In diesem Sinne sind Honigbienen wichtige Indikatoren für den Zustand unserer gesamten Umwelt.

Das KiJuBee Netzwerk Sachsen e.V. steht für eine sachliche, wissenschaftlich fundierte und respektvolle Diskussion. Wir nehmen berechtigte Sorgen um den Zustand unserer Wildbienenpopulationen überaus ernst und stellen uns dem fachlichen Austausch. Gleichzeitig widersprechen wir klar, wenn Honigbienen einseitig zum Problem erklärt werden, statt gemeinsam an den echten Ursachen des Insektensterbens – dem Verlust an Lebensraum und Nahrung – zu arbeiten.

Vortragsempfehlung

Für eine differenzierte wissenschaftliche Einordnung dieser Thematik empfehlen wir den Vortrag „Honigbiene vs. Wildbiene – Was ist dran?“ von Dr. Melanie von Orlow.

Dr. Melanie von Orlow ist Biologin und Biochemikerin, Geschäftsführerin des NABU Berlin, Sprecherin der Bundesarbeitsgruppe Hymenoptera des NABU sowie selbst Imkerin. Sie verbindet wissenschaftliche Expertise mit praktischer Erfahrung und Naturschutzarbeit.

Zum Vortrag: https://www.youtube.com/live/fPNryz7iikQ?si=BiH6uogXl8dOcbdf